„Wir Dozenten sind nicht eure Vorturner“ – Eine Replik auf die Replik der beiden Artikel von „Die Zeit“

Maximilian Wagner

Die Anwesenheitspflicht ist wieder in aller Munde; beziehungsweise die Abschaffung der selbigen. Kann gute Lehre nur funkionieren, wenn alle in einem Raum sitzen und sich verpflichten, jede Woche von neuem zu einer festen Uhrzeit an einem festen Ort zu sitzen?

Genau zu diesem Thema hat sich Die Zeit einen quasi-Dialog mit Gastkommentaren geliefert. Erst war da der Artikel „Studenten bleibt zu Hause„, dann die interne Replik ebenfalls in der Zeit „Wir Dozenten sind nicht eure Vorturner„. (beide Artikel sind durchaus empfehlenswert und die Grundlage der folgenden Replik der Replik).


 

Besonders auf letzteren Artikel, der Versuch die Anwesenheitspflicht in die Uni der Zukunft zu übertragen, möchte ich eine kurze Replik der Replik liefern:

Als erster großer Punkt wird dabei die Planung und Planungssicherheit ins Feld geführt. Und ja, natürlich dauert die Vorbereitung für einen Kurs, ein Seminar, Zeit. Wertvolle Arbeitszeit. Kurse sollen didaktisch hochwertig sein, qualitativ anspruchsvoll, den Zielen des Studiums und des Studienplans entsprechen, Vorwissen entsprechend aktivieren, nutzen und synthetisieren. Diese Planung geschieht nicht von heute auf morgen.

Aber: Zu glauben, dass mit modernen Hilfsmitteln keine sinnvolle Kursplanung auch ohne Anwesenheitspflicht möglich sei, stimmt einfach nicht. Hier wird Anwesenheitspflicht als einzig mögliche Kursgestaltungsmöglichkeit gesehen – progressiv sieht anders aus. Natürlich braucht es dann auch Kompetenzen: wie können Elearning, unterstützende Angebote aber auch die Eigenverantwortung sinnvoll in ein Kurskonzept integriert werden. Anwesenheit ist nicht automatisch mit Betreuung gleichzusetzen.
Die AutorInnen fragen:

„Wie soll ein Seminar durchgeführt werden, wenn nicht planbar ist, ob und mit wie vielen Studierenden ein Dozent oder eine Dozentin rechnen kann?“

Quelle: Wir Dozenten sind nicht eure Vorturner

Kontaktzeit (direkter Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden) ist ein Mittel zur Betreuung. Es ist aber nicht Kerninhalt des Kurses sich zwangsläufig auf der Pelle zu hocken. Letztlich zählt der Learning Outcome – nicht die interpersonelle Beziehung oder wie oft man sich für den erreichten Learning Outcome am Ende des Kurses persönlich gesehen hat. Objektive Standards. Die Qualität der Hausübungen, Proseminararbeit, der Diskussionsbeiträge (egal ob online oder analog), der Synthese von Inhalten. Der Kurs als physisch-geographisch stattfindende Größe kann also als Unterstützung gesehen werden: Wer Feedback möchte, wer diskutieren möchte Abseits von online-Diskussionsplattformen, wer Fragen lieber persönlich als per Email klären möchte, der kommt. Zu einem festen Zeitpunkt, in einen festen Raum.

Wer lieber daheim liest und seine Gedanken verschriftlichen will… der bleibt zu Hause.

Die ‚Dozenten sind nicht unsere Vorturner‘; sehr richtig erkannt. Sie sind WissensvermittlerInnen und Anlaufstelle für Fragen – egal wo ich mich mit den eigentlichen Inhalten auseinandersetze.


 

Die AutorInnen der Replik versuchen als zweiten Punkt die Eigenverantwortung der Studierenden  herunterzuspielen. Letztlich gehe es um das vermittelte Wissen, nicht um das Erwachsenwerden (wie im Originalartikel behauptet).

Hier haben beide Recht. Denn hier wird Eigenverantwortung und Erwachsenwerden als sich widersprechende Gegensätze gesehen. Eine Mischform, nämlich soviel Struktur wie nötig, so viel Freiheit wie möglich, impliziert Angebote auf Kursebene. Ebenso wie es die Universität als Institution ist: das Angebot, ein Studium dort zu absolvieren und Rahmenbedingungen für den Wissenserwerb dort vorzufinden.

Zum Erwachsenwerden gehört Freiheit, zur Eigenverantwortung gehört Freiheit. Zum Erwachsenwerden gehören Pflichten und intrinsische Motivation, zur Eigenverantwortung gehören Pflichten und intrinsische Motivation. Die Universität ohne Anwesenheitspflicht ermöglicht beides, fördert sogar beides. Lernziele und Erwartungen an die Studierenden werden klar kommuniziert, den Weg dorthin muss/kann sich jeder selbst suchen. Ob daheim oder in der Uni.


 

Auch im dritten Punkt wird klar, wie sehr die AutorInnen an veralteten Bildern einer Universität hängen. Nur weil Studierende den Kurs mitgestalten sollen, und DozentInnen nicht die Vorturner sind, bleibt dieses Argument bei der Diskussion um Anwesenheitspflicht irrelevant. Studierende können den Kurs eben nicht nur durch physische Anwesenheit und Diskussion vor Ort mitgestalten. Auch durch Online-Diskussionen, schriftliches Feedback, das Erkunden neuer Fragestellungen abseits der vorgegebenen Kursinhalte ist dies möglich. Spaß ist, was ihr draus macht; sagt dazu ein großer Getränkehersteller.
Deshalb auf moderne Technologien zu verzichten, oder diese nicht ebenfalls zum integralen Teil einer modernen Hochschulbildung zu machen, bleibt unverständlich.

„Dazu gehört auch die Möglichkeit, neue Online-Lehrangebote zu schaffen. Leider besteht zwischen diesem Anspruch und universitärer Realität eine weite Kluft.  “

Quelle: Wir Dozenten sind nicht eure Vorturner

Nur weil Anspruch und Realität auseinanderklaffen muss man noch nicht den Versuch aufgeben, hier Verbesserungen herbeizuführen. Im Gegenteil: Intensivieren wir die Anstrengungen, wenn wir wissen, dass es hier Nachholbedarf gibt. Und setzen wir uns einen Anreiz, dies auch konsequent umzusetzen – indem wir die Anwesenheitspflicht abschaffen und indem wir die DozentInnen in die Pflicht nehmen als Teil der Uni der Zukunft.


 

Lediglich der letzte Punkt ist klar und weißt tatsächlich auf Missstände hin: das Unisystem ist für eine Qualitätsoffensive zur Zeit strukturell falsch aufgestellt. Prekäre Anstellungsverhältnisse, Anreizsysteme dafür nur das Minimum zu leisten, Weiterbildung als Holschuld der Lehrenden zu sehen… das ist der falsche Weg.

Deswegen jedoch nicht trotzdem den Weg in die Zukunft zu wagen und die Anwesenheitspflicht als essenzielles Konzept von Uni aus den Köpfen langsam zu verbannen ist aber möglich. Neue Methoden, ein neues Verständnis von Leistungseinforderung, Elearning, online-Plattformen machen es möglich. Auch wenn der Weg nach vorne holprig ist muss man deswegen nicht wehleidig den Blick zurück werfen. Eine Reflexion des eigenen Selbstverständnis als Universität haben beide Artikel gewagt. Den Blick nach vorne nur einer der beiden.

Die Aufhebung der Anwesenheitspflicht schafft Anwesenheit nicht ab. Nur die Pflicht der selben. Genau wie das bei Vorlesungen längst der übliche Fall ist. Das einzig Neue ist die Notwendigkeit, Uni neu und modern zu denken. Und die eigenen Bilder ein wenig einzureißen.