Was die Universität von der Automobilbranche lernen kann

Maximilian Wagner

Die Automobilbranche hat sich durch Kostendruck auf Zulieferer, MitarbeiterInnen und Technologiepartner, sowie schlankere Strukturen an den qualitativen Abgrund manövriert und spürt nun, Jahrzehnte nach Beginn dieser Entwicklung, die volle Härte der Konsequenzen. Die Unis scheinen sich gerade auf einem ähnlichen Pfad zu befinden: Kostendruck auf Fachbereiche, MitarbeiterInnen und die Strukturen. Letztlich könnten auch wir letztlich auf den qualitativen Abgrund zutreiben. Es wird Zeit, mal einen Blick über die Bildungs- und die Automobilbranche hinweg zu werfen und durch den Vergleich einen Blick in einem mögliche Zukunft der Unis. Oder auch herauszufinden, was wir aus der Automobilindustrie für die Unis lernen können.

Nein, natürlich ist die Uni kein Betrieb im herkömmlichen Sinne und ich wehre mich vehement gegen die Ansicht, dass Bildung als Ware und Bildungssysteme als Warenlieferanten gesehen werden. Studierende sind auch keine Autos, das Studium kein Förderband und keine Massenabfertigung (zumindest sollte es so sein, auch wenn es manchmal schon anders wirkt). Dennoch würde ich gerne das Gedankenexperiment machen, denn gerade die Automobilindustrie hat in der Vergangenheit eine Entwicklung durchgemacht, von dem man sehr wohl lernen kann, wenn man sich den jetzigen Wandel im Bildungssystem ansieht.

Uni und Automobilbranche – sind sie vergleichbar?

Genau wie ein Unisystem sind Automobilfirmen extrem große Unternehmen, die sowohl forschen und entwickeln was neue Technologien betrifft, gleichzeitig aber auch die bestehenden Technologien in der Fertigung in Autos verbaut und diese auf die Straße schickt. Mit jeder Generation wird dabei natürlich daran gefeilt, welche neuen Technologien es in die neuen Modelle schaffen, wie man diese Technologien bestmöglich verbaut, ob diese auch qualitativ hochwertig sind – und ob dies zu einem realistischen Preis möglich ist. Gerade wenn man in die deutsche Automobilbranche und die großen Markennamen blickt, so sieht man, dass dort in der letzten Zeit scheinbar alles richtig gemacht wurde. Die Marken sind bekannt und etabliert (wie die österreichischen Unis), haben klare Segmente (wie die Spezialisierungen und Prestige-Fachbereiche von einzelnen Unis auch) und alle haben sie sich im Premium-Segment gut eingelebt. All dies spricht für einen Vergleich mit Unis.

Auch die Unis sind extrem große Einrichtungen, die sowohl forschen und entwickeln, als auch das etablierte Wissen in der Lehre weitergeben im Rahmen von Studiengängen. In jeder Überarbeitung wird daran gefeilt, welches neue Wissen es denn in den nächsten Studiengang schafft, wie man das Wissen bestmöglich im Studienplan verbaut, ob das Wissen und die Vermittlung auch qualitativ hochwertig ist – und ob dies zu einem realistischen Preis möglich ist. Die Unis im deutsch-sprachigen Raum haben einen guten Ruf und versuchen sich, im Premium-Segment zu positionieren, je nach Spezialisierung der Uni.

Lange Planungszeiten bedeutet langfristige Konsequenzen

Was vielen jedoch nicht klar ist: Von der Planung eines neuen Autos, bis die einzelnen Zulieferer die entsprechenden Teile extra geplant, getestet und in Serie bauen können, bis die Fertigungsstraße steht und optimiert ist, bis das erste Auto einer neuen Reihe auf der Straße ist: bis dahin vergeht eine lange Zeit, 5-9 Jahre. So kann man sich sehr einfach vorstellen, was Fehlplanungen oder Fehlentwicklungen für Auswirkungen haben. Keine Auswirkungen, die sofort sichtbar werden, sondern Auswirkungen, die einen Konzern ein Jahrzehnt später teuer zu stehen kommen. Aber auch veränderte Konzernstrategien können dadurch erst nach langer Zeit sehr unangenehme Folgen haben.

Ebenso ist es an der Uni: Wie bei der Bologna Reform gesehen, wie jetzt auch bei der Einführung der neuen Lehramtsausbildung dauert der Prozess recht lange, bis aus der ersten Idee ein Projekt, aus dem Projekt ein Plan, aus dem Plan der Beginn eines neuen Studiums und aus dem neuem Studium neu/anders ausgebildete LehrerInnen kommen. Dauer: Ebenfalls ca. 5-9 Jahre. In welcher Zeit würden dort wohl Fehlplanungen und Fehlentwicklungen sichtbar werden? Nach welcher Zeitspanne würden sich Fehlentwicklungen an der Universität insgesamt zeigen? Wohl auch in einem ähnlichen Zeitrahmen.

In welcher Zeit würden dort wohl Fehlplanungen und Fehlentwicklungen sichtbar werden?

Einsparungen als Gefahrenpotenzial

Gerade im die Jahrtausendwende führten viele Automobilkonzerne rigide Sparregime ein: Zulieferer wurden gnadenlos im Preis gedrückt, deren Zulieferer dann indirekt ebenfalls. Den eigenen Konzernen wurden neue Beschäftigungsstrukturen verpasst: Leiharbeiter und Sub-Unternehmer bauen zukünftig die neuen Autos, was vorher eine Stammbelegschaft erledigt hat. „Auf keinen Fall langfristig binden, das könnte Geld kosten“. Neue Modelle werden mit weniger Budget in die Produktion geschickt. Strukturen verschlankt. Wenn sich ein Firmenchef darüber geäußert hat, dann waren es die bösen Aktionäre, die Stake-Holder, oder eben auch der Gruppenzwang in der Branche: „die anderen machen es ja auch“. Oder eben eine gesunde Entwicklung hin zu mehr Leistung.

Gerade in den letzten Jahren führt auch die Uni wieder ein rigides Sparregime: Anstatt an Zulieferer wird der Druck für Einsparungen an die Fachbereiche weitergegeben. Diese wiederum geben den Druck an die einzelnen MitarbeiterInnen weiter, die nun mehr auffangen müssen, für gleiches Geld. Weniger Budget für die Fachbereiche heißt weniger Ausgaben für die Uni. Neue Beschäftigungsstrukturen werden eingeführt: Mit Senior Lecturer und Senior Scientist Stellen wird erstmalig getrennt, was an der Uni immer eins war. Lehre und Forschung. Gleichzeitig werden auch immer mehr externe Lehraufträge vergeben: ja nicht langfristig binden, das könnte Geld kosten. Die einen sollen schneller und effizienter lehren, die anderen schneller und effizienter forschen. Neue Studiengänge müssen mit gleich oder weniger Geld realisiert oder umgebaut werden, aber neuen Anforderungen genügen. Die Strukturen werden verschlankt, Personalzuordnungen immer wieder gestrafft… in der Hoffnung „da geht noch mehr“. Wenn sich eine Uni dazu äußert, dann ist es das böse Ministerium, der gestiegene Druck nach mehr Effizienz oder eben der Gruppenzwang der anderen Unis: „die anderen machen es ja auch“. Oder eine gesunde Entwicklung hin zu mehr Leistung.

Beide, Unis und die Automobilbranche, agieren angeblich zur Standortsicherung, zur Zukunftsorientierung, zur besseren Aufstellung für zukünftige Herausforderungen. Beide agieren auf dem Rücken von anderen: die einen schröpfen die Zulieferer und die Belegschaft, die anderen ihre Fachbereiche und die MitarbeiterInnen dort. Doch was ist in der Automobilindustrie dann passiert? Einsparungen zur Jahrtausendwende sollten ja langsam ihre Auswirkungen zeigen? Haben sie auch.

Die einen sollen schneller und effizienter lehren, die anderen schneller und effizienter forschen.

Einsparungen rächen sich

Die Einsparungen von damals, bejubelt von Aktionären, rächten sich eine Dekade später. Rückrufaktionen von ungeahntem Ausmaß, selbst bei den ansonsten für beste Qualität bekannten Marken. Mercedes, BMW, Audi, Toyota… alle saßen sie nun auf einem großen Haufen verkaufter Autos, die regelmäßig auf Konzernkosten wieder in die Werkstatt mussten. Weit häufiger als noch Autos aus den Baujahren zuvor. Das hart-aufgebaute Image der Zuverlässigkeit und Qualität bröckelte, weil die Zuverlässigkeit und Qualität in manchen Bereichen weggebrochen oder aufgeweicht war. Diesmal war nicht die kompliziertere Elektronik, die veränderte Marktbedingung, der internationale Druck oder der rabiatere Autofahrer schuld. Es waren hausgemachte Probleme. Trotz laufendem Qualitätsmanagement hatte das System versagt, durch Druck und Zwang von oben oktroyiert, unten dann widerwillig umgesetzt – am Ende ein teures Experiment, alles für ein kurzes Rendite-Plus.

Rächen sich die Entwicklungen auch an den Universitäten in der Zukunft? Auch heute loben sich die Unis für die Einsparungen, das Ministerium oktroyiert kleinere Budgets. Wird auch bei uns der zukünftige Arbeitgeber uns zurück in die Werkstatt bringen, weil unsere Ausbildung einen qualitativen Fehler hat, obwohl unsere Ausbildung bereits nicht billig war? Fallen wir in der Ausbildungsqualität schlecht aus im Vergleich zu unseren Uni-KollegInnen von früher? Bröckelt auch an den österreichischen Unis dadurch irgendwann das hart-aufgebaute Image der Zuverlässigkeit und Qualität, weil beides weggebrochen ist im Zuge der Sparmaßnahmen? Trotz laufendem Qualitätsmanagement muss der Fehler noch nicht mal bald auffallen. Das System ist langsam – auch hier könnte es ein teures Experiment werden, alles für ein paar kurzzeitige Einsparungen.

Es waren hausgemachte Probleme.

Die einen haben daraus gelernt, die anderen sparen weiter

Die Automobilbranche hat darauf reagiert. Man hat gesehen, dass Sparen auf Kosten von Zuverlässigkeit und Qualität weit teurer kommt, als in Zuverlässigkeit und Qualität zu investieren. Auch wenn die Nachwirkungen dieser kurzzeitigen Fehlentwicklung dort noch nachwirken, so hat man gelernt und kann nun den positiven zukünftigen Entwicklungen entgegenblicken. Trotz Finanzkrise und Umsatzeinbruch. So etwas, hat man gemerkt, sollte man nicht wiederholen.

Die Unis hingegen sind noch im Sinkflug. Dort wird weiter eingespart, weiter den Fachbereichen das Budget gekürzt, dort wird weiter fleißig in prekäre Arbeitsverhältnisse, in Auslagerung auf externe Lehre, in Stellenkürzungen, in weniger Kurse und ein schlankeres verschultes System „investiert“, um geldmäßig jetzt kurz einzusparen. Der Druck verteilt sich nach unten auf alle und wird nach unten hin im Zweifel verstärkt. Senior Lecturer sollen mehr Lehre machen, mehr Leute in die Kurse aufnehmen, gleichzeitig weniger Kurse angeboten werden; Senior Scientists mehr Papers veröffentlichen, mehr internationale Anerkennung einheimsen, aber günstig und schnell. Und wir, als Studierende? Schneller Studieren, mit dem Ellenbogen um die wenigen Plätze kämpfen, ja bereits in manchen Bereichen um die Aufnahme ins Studium kämpfen. Uns in überfüllte Lehrsäle setzen, auch mal ein Wartesemester einlegen um dann in einen überfüllten Kurs zu dürfen. Leistung bringen, ja nicht versagen, ja keinen Kurs doppelt machen müssen. In diesem Spiel könnte es langfristig keinen einzigen Gewinner geben: Weder die Konzerne (analog zu den Unis), noch die Zulieferer (Fachbereiche), noch die Zulieferer der Zulieferer (MitarbeiterInnen), noch die Autos (das wären jetzt mal wir), noch die Konsumenten (also die zukünftigen ArbeitgeberInnen oder eben die Gesellschaft, für die wir mal Motor sein sollen). Keiner gewinnt bei diesem Spiel. Naja, vielleicht gewinnen die freien Werkstätten, die sich über das Geschäft ihres Lebens freuen, um den Schlamassel zu reparieren: die privaten Bildungseinrichtungen, die sicher mit Nachschulungen und Zusatzqualifikationen in Zukunft unsere Ausbildung reparieren wollen oder die Lücken stopfen.

Der Spiegel fasste am 30.04.2014 die Qualitätsprobleme der Automobil-Industrie im Jahre 2014 so zusammen, vielleicht fällt euch mit etwas Phantasie auch ein, wie all dies sich auf die Unis übertragen lässt:

http://www.spiegel.de/auto/aktuell/rueckrufe-autobauer-in-2014-mit-massiven-qualitaetsproblemen-a-965963.html

 

Aber jetzt reicht’s auch wieder mit der Analogie. Traurig genug, diesem Treiben zuzuschauen, da muss ich nicht auch noch ein metaphorisches Auto sein. Brumm, brumm.

Die Automobilbranche hat sich an den Abgrund manövriert. Kann die Uni aus diesem Fallbeispiel lernen?
Die Automobilbranche hat sich an den Abgrund manövriert. Kann die Uni aus diesem Fallbeispiel lernen?

 


Artikel von 2003: Druck auf Zulieferer http://www.auto-motor-und-sport.de/news/preisdruck-fuer-zulieferer-725358.html
 Artikel von 2014: Rekordrückruf GM http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/rekord-rueckruf-aktion-seit-monaten-nur-negativschlagzeilen/10060344-2.html
 Artikel von 2014: Jahr der Rückruf-Rekorde http://www.spiegel.de/auto/aktuell/rueckrufe-autobauer-in-2014-mit-massiven-qualitaetsproblemen-a-965963.html