Vom Proletariat zum Prekariat: „Generation Praktikum“

Marco Pierre Stadlberger

Lebensrealität der studentischen Ausbeutung durch unbezahlte Praktika.

 

Während den Sklaven im alten Rom Kost und Logie zur Verfügung gestellt wurden, erleben wir als Studierende in mancherlei Hinsicht einen Rückfall hinter diese römischen Standards.

Verfasser: Marco P. Stadlberger & Daniel Winter
Beide Autoren sind in der ÖH Salzburg tätig und wollen sich nicht alleine darauf versteifen, die Probleme nur anzusprechen. Doch insbesondere die öffentliche Thematisierung erscheint als eine geeignete Möglichkeit, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Missstände nicht einfach hingenommen, sondern fundamental hinterfragt gehören.

Unser Studienkollege Peter* etwa studiert Geschichte im 8 Semester. Während des Semesters verdingt er sich mit Gelegenheitsjobs, um sein Studium zu finanzieren und zumindest so viel zur Seite zu legen, damit er sich in den vorlesungsfreien Sommermonaten die Teilnahme an Projekten im Ausland finanzieren kann. Gerade der Gelegenheitsjob wird bedingen, dass Peter weitaus mehr Semester ansammeln wird, bis er seinen Abschluss hat. Claudia* arbeitet in derselben Bar wie Peter*. Obwohl sie an derselben Fakultät studieren, haben sie sich erst in der Arbeit kennengelernt. Auch ihre Situation ist ähnlich, mit dem einen Unterschied, dass sie im kommenden Sommer weder für wissenschaftliche, noch für private Reisen Zeit haben wird. Sie arbeitet jetzt, damit sie sich ihre Miete auch dann, wenn sie das (in ihrem Curriculum vorgesehene) unbezahlte Praktikum absolviert, entrichten kann.

Freilich gibt es Studierende, welche das ‚Glück’ haben, eine studienrelevante Praktikumsstelle zu ergattern, welche es ihnen zumindest erlaubt, wenigstens (annähernd) die Lebenserhaltungskosten zu decken. Ganz Wenige werden fair entlohnt, während wiederum viele Studierende fast nichts oder weniger Geld erhalten, als dass sie damit ihre Kosten decken könnten.

Dieses Hamsterrad erlaubt nur wenig Raum für Widerstand. Für jene Studierenden, die zur vollkommenen Anpassung gezwungen die im Studienplan geforderten Kurse lustfrei abarbeiten, jeden Sommer ihre unbezahlten Praktika absolvieren, welche sie sich nur dank der Nebenjobs während des Semesters ‚leisten’ können, bleibt keine Zeit, dieses System zu hinterfragen.

Doch immerhin, man lernt wesentliche Soft Skills, die man in sein späteres Berufsleben (bzw. ins darauffolgende Praktikum) mitbringen soll: Flexibilität, Planungsunsicherheit, Anspruchslosigkeit. Gerade für Studierende, die später im wissenschaftlichen oder universitären Umfeld arbeiten wollen, gilt die vollkommene Unterordnung des eigenen Privat- und Beziehungslebens heute quasi als Voraussetzung für eine akademischen Karriere; Kettenverträge sind der Standard.
Außerhalb der Universität fordern die meisten ArbeitgeberInnen die eierlegende Wollmilchsau: Jung, hervorragende Ausbildung, mehrjährige Praxiserfahrung (wobei Praktika nur halb zählen), Auslandserfahrung und am Besten Yoga als Freizeitbeschäftigung; Leistungssport wiederum nicht, da zwar fitte und gesunde ArbeitnehmerInnen gesucht werden, die körperlich und psychisch zu 120 Prozent einsetzbar sind, sich im besten Fall bei der Ertüchtigung nicht verletzen. Denn letztlich geht es um eine Reduzierung der Krankenstände. Kein Wunder, dass das Ergebnis in einer gleichförmigen langweiligen Generation Y seine Früchte trägt.

Reproduktion von gesellschaftlichen Schichten:bar-240453 workers-501396_128010616106_10152867057008115_6197631711386815606_n

Auch wenn Studierende aus besserem/gebildeteren/besser situiertem Elternhaus ebenso zur Generation Praktikum zählen, wirken sich unbezahlte & niedrig bezahlte Praktika besonders verheerend auf Studierende aus einfacheren Verhältnissen aus. Sowohl, was den Zugang zu interessanten Praktikumsplätzen angeht, als auch den Luxus, gratis für den Lohn von Erfahrung arbeiten zu dürfen, betreffend. Praktikumserfahrung ist eben ein Luxus, der meist nur den finanziell besser gestellten in unserer Gesellschaft möglich ist. Wer kann es sich sonst leisten, z.B. im Ausland mehrere unbezahlte Praktika auf eigene Kosten zu machen? Der ökonomisch schlechter gestellte Teil der Gesellschaft ist auf Nebenjobs angewiesen, die zwar mit dem Studium nichts zutun haben, aber wenigstens Brot und Bett sichern.

Praktika als Selektionsmittel?

Studierende aus reicheren Haushalten sind eher in der Lage, Praktika unbezahlt zu absolvieren und bekommen schlussendlich eher die Erfahrungen sowie Kontakte, die für eine akademische Karriere notwendig sind. Dadurch, dass Sie ihre Rechte aus Angst vor dem Karriereaus nicht einfordern, reproduzieren Sie Reichtum und verhindert Chancengleichheit.

Mögliche Auswege?

Früher gab es zwischen ArbeitgeberIn und ArbeitnehmerIn eine langfristigere Bindung, die auch eine Ausbildungsphase umfasste. Heutzutage wollen ArbeitgeberInnen zunehmend ArbeitnehmerInnen, die sofort 100 Prozent Leistung zu bringen imstande sind. ArbeitgeberInnen kalkulieren, dass viele PraktikantInnen bzw./oder scheinbar (laut Vertragsüberschrift) freien DienstnehmerInnen ihre Rechte nicht kennen, oder aber auf ihre Durchsetzung verzichten, um spätere Jobperspektiven aufrecht zu erhalten.

Brauchen wir eine Verrechtlichung von Praktika?
Obwohl in vielen Curricula die Absolvierung von Praktika verlangt wird und das Wort schier inflationär in der Alltagssprache verwendet wird, ist dieser Begriff (arbeits-)rechtlich weder definiert, noch determiniert. Immerhin werden in einigen Kollektivverträgen praktikaähnliche Verhältnisse eigens angeführt und determiniert (KollV: Wissenschaftliches Universitätspersonal, KollV: Gastronomie).
+ Eine rechtliche Festlegung des Begriffs sowie ein Gesetz, das die Rechte und Pflichten von PraktiumsgeberInnen und PraktikumsnehmerInnen festlegt, wäre ein erster wichtiger Schritt.
– Die meisten Voluntariate sind jedoch im Grunde ganz normale Dienstverhältnisse, ein Praktikumsgesetz könnte daher unter Umständen auch zu einer Verschlechterung der derzeitigen Situation beitragen.

Die ÖH in der Pflicht:
(1) Auch wenn die ÖH nicht die unmittelbare Interessenvertretung für ArbeitnehmerInneninteressen darstellt, hat sie aufgrund der besonders betroffenen Bevölkerungsgruppe (Studierende) eine besondere Verantwortung, was nach einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen ihr, der Gewerkschaft und der Arbeiterkammer schreit.

(2) Vertretungsarbeit in den Curricularkommissionen (CuKo): Gerade in Hinblick auf die finanziellen Auswirkungen sind Pflichtpraktika aus Studierendenperspektive im Regelfall abzulehnen.

(3) Informationsoffensive: Studierende sollen vermehrt informiert werden, wie sie ihre Rechte einklagen bzw. sich in einem ersten Schritt zumindest zur Wehr setzen können (z.B. Whistleblower-Hotline des Sozialministeriums nutzen).

HEUTE, am 19. November 2014 findet um 18:00 Uhr im HS380 in des GesWi eine Diskussionsveranstaltung statt, in welcher die Problematik GENERATION PRAKTIKUM diskutiert wird.

*Namen der genannten Person wurden geändert.


Zwei weiterführend Studien zur Praktikumssituation in Österreich:
bit.ly/praktikum01
bit.ly/praktikum02