Salzsäure

Salzburg. Studi. Kritisch.

1

Semesterbeginn ganz woanders – Eine französische Universität durch ein österreichisches Augenpaar

„Semesterbeginn. Irgendeine Stadt an der französischen Atlantikfront. 1500 Kilometer von Salzburg. Ein kleiner Student vertraut sich der lokalen staatlichen Heimverwaltung an, deren Wände aus administrativen Papier die darin Befindlichen jeden Moment zu verschütten drohen.

Sechsstöckig steht es da, Wände aus Karton, freundliche Insekten begleiten über den speckigen Teppichfußboden flitzend den Studenten auf seinem Weg zum bescheidenen Nachtlager. Gleichmäßiges Raunen des auf der Autobahn nach Norden diffundierenden spanischen Gemüses vermischt sich mit den Wettergesängen eines Negerianers der um eine Pinie stundenlang im Kreis das Gras erdig tritt. Die Fenster isolieren eindeutig nicht.

Nächster Morgen. Eine Herde an Menschen umringt hitzig die verschlossene Tür des Hörsaals im kühlen Morgengrauen. Ihre Stimmen vermischen sich zu einem unverständlichen, lärmenden Surren, das kaum Schwankungen kennt. Niemand lässt sich durch die Vorlesung aus dem durch Smartphonebildschirmen vermittelten Paralleluniversum entreißen; Der honorige Professor hinter dem Pult predigt derweil weiter wie ein unantastbarer Heiliger und dringt doch nicht an die Herzen seiner Schafherde – Er steht auf der Schaubühne, wie ein Relikt aus einer anderen, patriarchalen Zeit, das von den Anwesenden ignoriert zu werden scheint;

studiheim

(Links: das  Studierendenheim aus Karton, rechts: Das Palais der Gräfin X neben dem jardin publique, S: Google)

Besuch eines anderes Nachtlager. Drei Menschenkinder passen bis zur Decke, alles verspiegelt, Stil Louis Quinze, spätes 18. Jahrhundert mit Blick auf den parc publique. Darf man sich hier auf das Rokoko Sofa mit seinen zierlich geschweiften Füßen zur Ruhe lassen? Die Erasmuskollegin, die hier wohnt und die lokale Business School besucht, logiert also in einem privaten musealen Schloss bei Gräfin X, flaniert vormittags (!) über den feinen, mit alten Gaslampen gesäumten Boulevard in die Innenstadt zum kleinen Geschäft, das nur Cognac verkauft. Ob sie überhaupt das große sechsstöckige Kartonheim in dem der kleine Student döst für real existierend hält?

Mensa. Zurück im Campus, welcher extra wegen den 68er Demonstrationen außerhalb der Stadt deeskalierend aufgebaut wurde lutsche ich lustlos an einem Stück Schafsfleisch steuerfrei mit allerlei Beilagen, für drei Euro – staatlich gefördert. DDR Charme, aber sehr funktional mit öffentlicher Mikrowelle, Wasserbrunnen, Tischtennis. Plötzlich eine Sirene, aber niemand schreckt sich: Eine Megafonträgerin marschiert mit Anhang ein, verkündet eine Studierendenversammlung, direkt neben unserem Tisch – ein sich in den folgenden Monaten oft wiederholendes Ereignis.

Austern. Der kleine Student wirft sich in seinen einzigen Anzug und fährt zur gratis Weinverkostung, schlürft widerwillig ein paar Austern, die zuckend vor jedem Zitronenspritzer vergebens zurück zu weichen versuchen scheinen und labt sich am unerschwinglich teuren Wein. Wird ihn jemand als Scheinkonsument entlarven und verjagen? Und war das Zugticket zu dieser Veranstaltung nicht teurer als die gratis Ausspeisung? Trotz der Austern, fahre ich hungrig nach Hause, weil ich in dem teuren angeschlossenen Restaurant nichts Leistbares bestellen konnte.

Besuch. Heute Abend sind Nachbarinnen aus der unbeachteten Wagenburg vom Mensaparklatz in das Kartonhaus, das mir die Heimverwaltung zugewiesen hatte,  hochgekommen und haben mit Schuhen ein Bad genommen. Zitternd steht eine Familie vor mir, halbnackt, ängstlich. Sie sprechen auch französisch, wir essen gemeinsam mit Mohammed, meinem Nachbarn. Der schaut etwas kritisch auf die Weinflasche; Am nächsten Morgen waren unsere neuen Freundinnen weg, weil die Polizei sie wohl etwas überraschend aufgesucht hatte. Sie sind verschwunden – so als ob sie nie da gewesen wären.[=Besuch einer Roma Familie Anm. d. Autors]

Wie wohl fremde Augen unsere Universität sehen würden?“

Morgen in Salzburg. Eine Herde an Menschen umringt schweigend die verschlossene Tür des Seminarraums im eiskalten Morgengrauen spähend, umherblickend nach der Studienassistentin mit ihrem klirrenden Schlüssel. In der Stille starren auf Smartphonebildschirme zusammengekauert lustlos wirkende Gestalten bis die sich anschleppte Lehrveranstaltungsleiterin ohne Assistentin erscheint. Der Geruch fetter Würste und regionaler Musik zieht in den Hörsaal während der Diskussion eines wissenschaftlichen Artikels. Da simst mir meine Nachbarin wie den so mein Erasmus – Semesterbeginn damals  gewesen sei, und ich schreibe ihr immer tiefer versinkend: „Semesterbeginn. Irgendeine Stadt an der französischen Atlantikfront…

262309_1847712914185_1723018_n

[Der Autor durfte mit dem Erasmusstipendium in Bordeaux studieren, alle geschilderten Situationen beruhen auf erlebte Situationen]
BordeauxErasmusGegemsätze

Marco Pierre Stadlberger • September 9, 2014


Previous Post

Next Post

Comments

  1. Lokalsatire: Liebesbrief an meinen deutschen Freund | Salzsäure.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published / Required fields are marked *