Salzsäure

Salzburg. Studi. Kritisch.

Meins, deins? Sharing is caring!

Notlagen haben schon immer erfinderisch gemacht. Faulheit ebenso. Selbst wenn man selbst nicht in die Vorlesung gegangen ist, auch wenn man es sich jede Woche erneut vorgenommen hat, findet sich schon wer, der die nötige morgendliche Motivation aufgebracht hat. Irgendwer war sicher so fleißig. Aber keine Sorge, sobald man die Person gefunden hat, braucht es vielleicht nur einen Kaffee oder mal ein abendliches Bier, ein Flehen, eine rührende Geschichte warum man es nie zur Vorlesung geschafft hat – dann darf man vermutlich die Mitschrift kopieren. Dann nur noch durchlesen: schon ist es so, als wäre man selber da gewesen. Eine Hand wäscht die andere, selbst sprichwörtlich sogar schon seit der Römerzeit.

Aber da hat doch der/die Urheber/in der Mitschrift Copyright drauf? Aber der Hinweis des Urhebers der Mitschrift „Aber bitte nicht weitergeben“ wird oftmals höchstens lapidar 1:1 an den Nächsten weitergegeben. Zusammen mit der Mitschrift. Es geht um Vervielfältigung, nicht um das Wegnehmen von etwas. Am Ende gibt es mehr von etwas, es ist nichts umverteilt worden. Keiner hat verloren. Alle haben gewonnen.

Auch heute, wenn nicht mehr handschriftlich mitgeschrieben wird, sondern direkt am Laptop – also nichts mehr kopiert werden muss – ist die Vervielfältigung nicht aus der Mode gekommen. Mitschriften, Prüfungsfragen, Infos und Insider-Tipps zum Studium müssen nicht mehr auf dem Gang flüsternd ausgetauscht werden – Facebook ist die Antwort. In eigenen Gruppen werden die Dateien und Infos zum Studium einfach bereitgestellt – zur freien Entnahme.  Auch in den Emailboxen der Studierenden, im Google Hauptquartier, lagern sicher noch Mitschriften und Prüfungsfragen für jede erdenkliche Lehrveranstaltung. Privat verschickt, der Weiterleiten-Knopf ist schnell gedrückt, von dort bahnen sich die Dokumente weiter ihren Weg. Nützen dem Nächsten und Übernächsten.

Auch wissenschaftliche Zeitschriften landen längst nicht mehr alle in gedruckter Form an den Unis. Vieles ist online verfügbar, lizenziert von der Uni, downloadbar als pdf innerhalb des Uninetzes. Auch kostenfreie Scanner sind in der Bibliothek, zum schnellen digitalisieren von altmodischen Büchern. Die digitale Reform hat sich auch in der Uni breitgemacht und das alltägliche Leben verändert. Für mich eindeutig zum Besseren.

Sharing is Caring. Bei den Mitschriften, genauso wie bei eingescannten Kursunterlagen. Warum Andere zwingen, alles erneut zusammenzufassen, wenn es bereits zusammengefasst ist? Warum jeden selbst in die Bibliothek rennen lassen, wenn einer es eh schon gescannt hat und an den Kurs verschicken kann? Das gemeinschaftliche Teilen ist im Kleinen doch eine kleine Auflehnung gegen das Copyright und wird zum Grundstein für ein Gemeinschaftsgefühl, für Solidarität an der Uni. Das duplizieren von Informationen führt zu einem Gewinn an Wissen bei keinen anfallenden Kosten.

Das Kopieren, übertragen, verändern und weitergeben von Wissen war schon immer ein Bestandteil der Wissenschaft. Einer erarbeitet, andere fassen es auf und arbeiten daran weiter. Ich persönlich gebe ich jeden Tag mein Wissen in der STV über das Unisystem, das Studium und meine selbst hart erlernten Tipps und Tricks weiter. Ich schreibe Informationen zusammen, erstelle Grafiken und stelle diese allen zur Verfügung. Unentgeltlich. Ehrenamtlich. Während die internationalen Klagewellen wegen Copyright-Verletzungen (z.B. Apple vs. Samsung) immer wahnwitziger werden und von der Lebensrealität losgelöst scheinen, ist die Entwicklung innerhalb einer Gesellschaft eine ganz andere. Während Lobbygruppen immer mehr Geld ausgeben für verschärfte Gesetze (selbst das Recht auf Privatkopie war lange bekämpft), leben Millionen Menschen in einer ganz anderen Realität. Auch an der Uni.

Ein Blick über den Teich in die Uni von Amerika verrät was passiert, wenn die Kosten für Kursbücher pro Semester in den vierstelligen Bereich gehen können.  Wenn auch der Bildungsbereich durch das Ausnutzen von Copyright-Monopolen überrollt wird, wenn die Studierenden geschröpft werden. Dann werden Informationen und der Zugang zu Informationen zum Privileg. Ein teuer zu erkaufendes Privileg. Das Gegenteil zu freier Bildung.


Zurück zur Uni bei uns. Ich finde die Entwicklung gut: solidarische Verteilung von Informationen zum Studium, gemeinschaftliches Erarbeiten von Zusammenfassungen aus Vorlesungen, gemeinschaftliches Sammeln von Prüfungsfragen, teilen. Meins, deins, diese Kategorieren existieren nicht bei Prüfungsfragen oder Mitschriften, wenn ihr euch solidarisch austauscht. So wächst eine Gemeinschaft zusammen, so entsteht ein neues WIR-Gefühl. In den Studi-Facebookgruppen.

Facebook als Empowerment auch, weil man bei Problemen schnell merkt, dass man nicht alleine ist. Weil man in der Gruppe stark ist. Weil man sich gegenseitig hilft. Zusammen etwas unternehmen kann.

Und vielleicht tragen wir diese Einstellung mal erfolgreich in die Welt hinaus: Sharing is Caring.

Ganz nach dem Sinn von Creative Commons. Ganz im Sinne von Wikipedia.

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Maximilian Wagner • September 12, 2014


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