Lehramt Cluster Mitte – Eine Chance für große Veränderungen

Maximilian Wagner

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Im letzten Artikel zum Lehramt Cluster Mitte ging es um die bisher ungeklärten Fragen im Prozess. Natürlich sind solche Unsicherheiten in einem Prozess normal und es ist wichtig, als Stakeholder (die Studierenden sind letztlich diejenigen, die studieren müssen, was dort entwickelt wird) rechtzeitig auf Unsicherheiten und Gefahren hinzuweisen.

Dennoch soll dieser Artikel, als eine Art Pro & Contra, das Pro näher beleuchten. Denn ein Prozess, der die LehrerInnen-Ausbildung in ganz Österreich massiv verändert, ist im Idealfall mehr Revolution, als die sonst übliche schleichende und schleppende Evolution in den Bildungssystemen. Und dies kann etwas radikal Neues hervorbringen, alten Ballast abwerfen und die Strukturen an neue Gegebenheiten anpassen, anstatt sich nur mit den bestehenden Strukturen neuen Herausforderungen zu stellen.

Evolutionsprozesse an der Uni

Weiterentwicklungen sind personal- und arbeitsintensive Prozesse. Doch selten sind diese Prozesse ergebnisoffen. Denn abgesehen von großen Umbrüchen sind Änderungen oft kosmetischer Natur, oder leichte Anpassungen an neue Personalressourcen. Besonders die Vorgabe seitens der Uni, das neue Curriculum müsse „budget-neutral“ sein und dürfe daher kein neues Geld kosten sorgt häufig für das einfache Umwandeln einzelner Kurse in neue Kurse. Am Ende halten die gleichen Leute leicht geänderte Kurse unter anderem Namen. Doch bei diesen leichten Anpassungen erfolgt kein Umdenken. Man geht vom Status Quo aus und fragt sich was überhaupt geändert werden kann/soll. Jeder Professor soll sich ja im Curriculum wiederfinden, die vorhandenen DozentInnen sollen ja die Kurse abdecken können. Die Zwänge von Innen und Außen sorgen für ein sanftes aber wenig revolutionäres Vorwärtsgehen… oder zumindest für ein Gehen um des Gehens willen.

REvolutionsprozesse an der Uni

Im Gegensatz zu den Evolutionsprozessen können größere Umbrüche diese alten Pfade umwühlen. Der letzte große Umbruch im Uni-System war dabei die Umstellung von Diplom auf BA/MA Studiengänge. Doch selbst dort ist vielerorts lediglich eine Aufspaltung des alten Diplomstudiums geschehen. Man packte etwas Altes in eine neue Form, neues Label darauf. Es änderte sich wenig.

Wirkliches Umdenken geschieht dann, wenn man nicht fragt, welche Kurse und Personen „verbaut“ werden müssen in eine vorgegebene Struktur, sondern wenn die Frage zentral ist, wo die Reise hingehen soll. Und sobald das Reiseziel bekannt ist, kann man sich noch fragen, was vom Vorhandenen vielleicht noch wiederverwendet werden kann um dort zu landen. Aber diese Frage ist eine Zweitrangige. Solange die Bereitschaft vorhanden ist, etwas neues zu gestalten, muss auch der Wille vorhanden sein neue Strukturen dafür zu schaffen – und im Zweifel alte Strukturen einzureißen.

Erst in einem solchen Prozess entsteht etwas wirklich neues. Nicht eine umlackierte, leicht modifizierte Version des Alten. Erst hier entsteht eine Version 2.0; nicht die Version 1.1

Bottom-Up oder Top-Down

Systeme sind eingespielte Strukturen und werden sich zwar selbst einem Evolutionsprozess unterziehen: Qualitätsmanagement, Evaluation, Anpassungen.
Systeme sind aber meist resistent intern resistent gegen wirklichen Umbruch, grundlegende Veränderungen. Diese passieren nur, wenn das System intern zerbricht oder der Leidensdruck intern so groß wird, dass große Veränderungen unumgänglich sind.

So bleiben nur Top-Down Prozesse, um Revolutionsprozesse von oben anzustoßen. Neue, gänzlich andere Vorgaben zu geben, um Strukturen an Universitäten, Pädagogischen Hochschulen, Fachbereichen, Fakultäten, etc. zum Umdenken, zum Anpassen zu zwingen. Aber auch zur Reflexion, was an diesen Institutionen überhaupt passiert oder passieren soll.

Genau diese Art von Revolution könnte die konsolidierte Sekundarstufen-Lehramtsausbildung werden. Es bricht die altgebrachten lange-gewachsenen Strukturen auf. Es zwingt unterschiedliche Bildungsinstitutionen zur Kooperation – und damit zur Reflexion des eigenen und zur Beschäftigung mit dem Anderen. Es gibt neue Vorgaben, die eingehalten werden müssen (Stichwort: Kompetenzorientierung, Rahmencurriculum, neue Vorgaben bei schulpraktischer Ausbildung und Fachdidaktik). Es gibt einen knappen Zeitrahmen, in welchem die Vorgaben umgesetzt werden müssen. Die Vorgaben stehen nicht zur Diskussion.

Natürlich knarzt es da in den alten Strukturen, sobald die Mühle sich drehen muss.

Chaos

Neues muss erst vom Chaos in einen geregelten Alltag überführt werden. Viele Fragen, die oftmals zu Beginn noch offen sind, oder die erst später aufkommen, müssen geregelt und beantwortet werden. Je radikaler das Neue ausfällt, desto mehr neue Fragen müssen im Zweifel beantwortet werden. Dies ist eine arbeitsintensive Zeit. Das Modell der Inskription in einem Cluster wäre ein solches radikales Neu-Denken. An mehreren Institutionen gleichzeitig zu studieren, absolute Mobilität zwischen den Einrichtungen, das Beste aus zwei verschiedenen Welten (Universität und PH) mitzubekommen… das wäre etwas derartig radikal Neues. Dieses Modell existiert bisher nicht. Und dennoch wäre es manchmal wünschenswert, wenn der angedachte Revolutionsprozess am Ende nicht zum öden Evolutionsprozess wird, sondern der Mut, neue Ideen umzusetzen auch mit der entsprechenden Bereitschaft einhergeht, Chaos zu stiften und das Chaos am Ende in gelenkte Bahnen zu bringen. Am Ende des Chaos erwartet einen etwas gänzlich Neues.

Cluster: ja oder nein?

Vielleicht fällt mein erster Artikel dort etwas negativ aus, weil er sich auf die Gefahren im Prozess konzentriert. Und das ist ein valider Punkt, rechtzeitig auf Punkte hinzuweisen, welche bedacht werden müssen. Aber es soll nicht der Eindruck entstehen, dass deswegen kleiner gedacht werden muss um Unsicherheiten zu umgehen. Vielleicht sogar im Gegenteil: Es muss größer gedacht werden.

Wenn Bedenken bei Mobilität vorhanden sind, müssen neue, große Modelle gedacht und angegangen werden. Was wäre, wenn es zusammen mit der Inskription ein Ticket für öffentliche Verkehrsmittel im Land Salzburg und Oberösterreich gäbe?

Wenn es Bedenken bei den demokratischen Strukturen gibt? Dann müssen neue Strukturen erdacht werden, die über die eigene Hochschule hinausgehen. Dafür muss das Universitätsgesetz und HochschülerInnengesetz, das Hochschulgesetz und weitere Gesetznormen angepasst werden. Aber das ist möglich – wenn der Wille zur Veränderung vorhanden ist.

Wenn Bedenken bei der Rechtssicherheit an einem Studienort vorhanden sind, muss diese geschaffen werden. Dazu muss evtl. die Budgetzuteilung zu einzelnen Hochschulen überdacht werden, dazu müssen Elearning und unterstützende Systeme ausgebaut werden. Dazu muss vielleicht ein Umdenken bei Anwesenheitspflicht in Kursen erfolgen. Aber es ist machbar.

Mit genügend Weitsicht könnte das Cluster Mitte (und alle anderen Cluster) zur großen Chance werden. Dies soll nicht jede Idee gutheißen, die gerade im Prozess gedacht wird. Aber auch bei Widrigkeiten kann man das langfristige Ziel weiter im Auge behalten.

Ein Plädoyer

Dieser Artikel soll nicht die Gefahren im Prozess aufzeigen, sondern die ebenso großen Gefahren, wenn dieser Prozess nun abgeschwächt, kaputt geredet oder zerrieben wird und am Ende nichts Neues herauskommt sondern mehr des Alten. Vielleicht sogar Altes nur neu etikettiert.

Dieser Prozess muss mit Mut und Weitsicht, mit den nötigen Mitteln und der nötigen Freiheit ermöglicht und am Ende gegangen werden. Am Ende könnte die erste große Revolution im Lehramt seit Jahrzehnten herauskommen, die erste große Revolution im Hochschulsektor seit Langem.

Dieses Plädoyer richtet sich dabei an alle Entscheidungsträger: Angefangen vom Ministerium, über die Leitung der Hochschulen, über die Fachbereiche bis zu denjenigen, die am Ende nur die das Neue mittragen müssen.