Salzsäure

Salzburg. Studi. Kritisch.

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Hey du – bleib ja weg mit deinem Handout!

„Das ist jetzt nicht persönlich gemeint und soll auch nicht unhöflich klingen. Aber sei doch einfach so lieb und bleib mir weg mit dem Handout. Das ist ja jetzt kein Grund zum Streiten.

Und nein, das hat nichts mit der Qualität deines Handouts zu tun – ich hab’s ja noch nicht mal gesehen. Was ich sagen will: egal was drauf steht, ich will es nicht. Das hat jetzt auch nichts mit einer Abneigung gegen Wissen oder Informationen zu tun, oder Desinteresse an deinem Referat. Dein Handout ist bestimmt super informativ und toll gemacht. Ich weiß ja, dass du dich lange hingesetzt hast um das Handout zu erstellen. Vielleicht hast du sogar die Nacht durchgearbeitet um das Handout rechtzeitig fertig zu bekommen.“

„Achso ja, warum ich jetzt kein Handout von dir haben will wolltest du wissen. Na, weil es nicht lohnt. Ja sicher, während deinem Vortrag könnte ich mitlesen und das ist sicher hilfreich. Ich könnte mir dann Sachen auf dein Handout notieren. Also meine Gedanken und vielleicht Fragen während deiner Präsentation aufschreiben. Auf dein Handout. Ja, und dann? Also ich meine, was passiert dann danach mit deinem Handout, welches du mir gerade in die Hand drücken wolltest? Hast du darüber schon nachgedacht? Nein? Ok, also wahrscheinlich wird es so sein: Ich stecke dein Handout zusammen mit meinem Laptop in meinen Rucksack. Das Problem ist nur: meinen Laptop hole ich wieder aus dem Rucksack. Und dann wieder zurück in den Rücksack. Im nächsten Kurs dann wieder: Laptop raus, Laptop rein. Bis zum Ende des Tages wird mein Laptop dein Handout in eine Ziehharmonika oder ein Papierknäuel am Boden meines Rucksacks verwandelt haben. Heil ist da jedenfalls noch keins wieder rausgekommen.“

„Hmmm, warum ich dein Handout nicht in einem Block oder so verstaue? Würd ich ja, aber ich habe keinen dabei. Werde auch keinen mehr mitnehmen.  Ich habe einen Laptop. Die Zettel aus dem Block würden langfristig den selben Weg wie dein Handout gehen. Also, um das jetzt nochmal konkret auf den Punkt zu bringen: Die Druckkosten hättest du dir sparen können und das nächste Mal schick mir ein pdf vom Handout. Du sparst dir Geld und wir können uns diese Diskussion in Zukunft ersparen. Nein, ich geh sogar noch weiter… ich versprech dir, dass das Handout als pdf die Zeit bis zur Prüfung und weit darüber hinaus gänzlich umzerknittert – kleiner Scherz –  übersteht und ich mit Sicherheit dein Handout nochmal anschauen werden – zusammen mit den digitalen Notizen, die ich in dem pdf hinzugefügt habe. Vielleicht öffne ich dein Handout sogar mal, wenn es thematisch in einen anderen Kurs passt. Wenn ich es digital habe, dann ist es immer dabei. Weil mein Laptop ist ja immer bei mir. Immer. Ich speichere dein Handout nämlich im selben Ordner mit den anderen digitalen Handouts aus diesem Kurs – in dem Ordner sind auch die Skripten und Dokumente vom Dozent drinnen. Ja genau, die auf Blackboard zum download bereitstehen. Ich will alles beisammen haben und dein Handout auf Papier stört. Ich habs zwar schonmal gesagt, aber ist echt nicht persönlich gemeint. Hier ist meine Email-Adresse…“

Szenenwechsel

Es ist ein heißer Tag. Naturwissenschaftliche Fakultät. …was sage ich, es ist ein sau-heißer Tag, die Fenster sind bereits alle geöffnet, ebenso die Türen zum Gang. Trotzdem ist sich keiner im Kurs sicher, ob die Luft von außen wirklich hilft. Es wird ständig noch wärmer. Die Konzentrationkraft ist bei den meisten Kommiliton_innen um mich herum bereits in Siesta gegangen. Leere Gesichter mit halb-offenen Augen bemühen sich, zumindest ansatzweise nicht ständig aus dem Fenster zu blicken.
Doch plötzlich kommt Bewegung in den Kurs, Unruhe breitet sich von den vorderen Reihen ausgehend im Kursraum aus. „Sollen wir was machen?“ wird hinten gefragt. Über das Stille-Post-Prinzip erfährt man von weiter vorne, dass man irgendwas mit Atlanten machen werde. Eine Gruppenarbeit oder sowas, sicher sei man sich auch nicht ganz. Auch die letzten Reihen sind zu diesem Zeitpunkt ein Stück weit munter geworden. „Die Atlanten sind im in einem der Schränke“ heißt es von der Dozentin, der Kurs möge doch mal in den Schränken danach suchen. Ich stehe zusammen mit meinem Sitznachbar auf und gehe zum nächstgelegenen Schrank. Verschlossen. Der nächste auch. Der Schlüssel der LV-Leiterin verschafft Abhilfe und öffnet den verschlossenen Stauraum.

Papierstapel. Riesige Papierstapel fallen ins Auge. Der Schrank ist erstaunlich tief, stelle ich fest. Zwei Reihen Papier passen hintereinander, vier nebeneinander; und der Schrank ist voll von diesen Stapeln. Wir greifen in den erstbesten Stapel. Eine Proseminararbeit, knapp 20 Jahre alt. Auf einer Schreibmaschine getippt. Ebenso wie die meisten anderen auch; Schreibmaschinenschrift fällt nunmal gleich ins Auge. Das Papier hat bereits diesen Schimmer des Alters angenommen, leicht angegraut. Vielleicht hat man damals auch einfach noch nicht die schneeweißen Papierblätter benutzt, welche heute in großen Stapeln in jedem Großraumdrucker auf jedem Stockwerk der Uni mehrfach rumstehen. Schreibmaschine also. Da wird mir wieder bewusst, wie neu die digitale Uni, die meinen Alltag bestimmt, eigentlich ist. Ich greife zur nächsten Proseminararbeit. Das Thema klingt spannend. Ich lege sie trotzdem zurück. Jemand hat die Atlanten gefunden.

Wie schade! Naja, sicher, die meisten der hier gelagerten Arbeiten sind wahrscheinlich nichts anderes als akademische Trockenschwimmübungen. Doch mit Sicherheit schlummern auch einige Juwelen in dem Schrank – richtig gute Arbeiten, die vielleicht auch heute noch interessant und lesenswert wären. Doch eine Suchfunktion fehlt. Pech gehabt. Die Arbeiten werden wenige Wochen später vom Altpapier abgeholt. Niemand wird die tausenden Stunden an investierter, manifestierter Arbeit jemals wieder sehen. Wissen wurde produziert und und Wissen wurde entsorgt; das Papier recycelt.


Seit nunmehr vier Jahren studiere ich fast ausschließlich digital. Das ‚fast‘ bezieht sich auf das oben genannte vereinzelte Handout, welches mir jemand in die Hand drücken möchte (und oftmals erfolgreich ist; für eine lange Erklärung wie oben hat man selten Zeit), aber auch daran arbeite ich. Mein Laptop ist immer dabei. Seit einem halben Jahr sogar zusätzlich noch ein Tablet-PC. Mein Computer kennt meinen Kalender, hat alle pdf-Dokumente auf Vorrat und ist das erste, was im Hörsaal ausgepackt wird. Ich lerne am PC, ich lese am PC, ich höre Musik, ich schaue Filme. Einen Fernseher hatte ich noch nie, aber dafür nutze ich heute auch den PC. Und mein PC ist mein mobiles Wohn- und Arbeitszimmer: dort sind alle Emails, dort sind alle Dokumente, alle Kontakte. Per Facebook schreibe ich mit Freund_innen, per Skype klingel ich mal durch, per Browser steht mir die Welt offen.

Nein, ich möchte keinen Block mehr. Einen Stift zum unterschreiben der Anwesenheitsliste in der Lehrveranstaltung habe ich zumindest in der Hälfte der Fälle bei mir. Tendenz fallend. Es fehlt nur noch der letzte Sprung, das letzte bisschen. Ich weiß, dass es im Kurs alle gut meinen, wenn sie für mehrere Euro Farbkopien ihrer Handouts mitbringen. Aber eine Email hätte gereicht. Gerne auch erst 10 Minuten vor Beginn der Lehrveranstaltung. Mein Laptop ist sowieso geöffnet, bevor ich mich gesetzt habe; und hat bereits die neuesten Emails abgerufen bevor ich überhaupt meine Jacke ausgezogen habe.

Ich will nicht zwanghaft Papier sparen. Ich schätze nur die Suchfunktion in Dokumenten oder für Dokumente; ich schätze es, schnell eine Sammlung an Dokumenten in einen Ordner kopieren zu können, anstatt langwierig Zettel in die richtige Reihenfolge zu bringen und abzuheften. Meinen Emailposteingang habe ich auch längst nicht mehr sortiert: Suchfunktion. Copy-Paste und der Inhalt ist in einem anderen Dokument. Oder das pdf ein Bild. Das Bild in einer pdf. Das pdf in einem Word-Dokument. Ich habe mich eingelebt. Es läuft.

Ich verstehe auch vollkommen, dass andere Lerntypen oder andere Menschen das haptische Feedback von bedrucktem Zellstoff zwischen den Fingern brauchen. Das soll keine Anklage sein oder abwertend klingen. Lernt so, wie ihr es am besten macht. Ich wollte euch nur sagen, dass es diesen voll-digitalen Menschen wie mich gibt. Und dass ihr mir mit dem Handout keinen Gefallen tut, so lieb es auch gemeint war. Aber ich sehe immer mehr digitale Menschen um mich herum an der Uni. Oftmals lese ich dann in Emails in der Signatur einen Satz, der es nicht besser ausdrücken könnte.

Die Bitte der digitalen Menschen: Think before you print!

So, ich muss jetzt noch einige Zettel-Leichen aus meinem Rucksack entfernen. Damit der Laptop, auf dem ich diesen Artikel geschrieben habe, wieder mit mir mitkommen kann und die Zettel nicht weiter zerknüllt. Die Zettel kommen zum Altpapier. Die meisten von ihnen haben das Schlimmste eh bereits hinter sich.

Aber wenn du willst, darfst du dir diesen Artikel auch gerne ausdrucken.


Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder ganz andere Erfahrungen?
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AlltagdigitalHandoutLaptopUni

Maximilian Wagner • September 4, 2014


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Comments

  1. Claudia September 5, 2014 - 12:16 pm Reply

    Ich geh mal davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, dass gedruckte Arbeiten aufgehoben werden eher grösser ist als digitale, da die „Hürde“ sie wegzuschmeissen eher grösser ist, ausserdem wrden PCs regelmässig getauscht, und die Leuet nehmen nicht unbedingt alle Daten mit bzw. Festplatten gehen auch immer mal wieder ein. Aber die eine oder ander Seminar-Arbeit digital zur Verfügung zu stellen (in Absprache mit dem Studenten) wäre sicher keine schlechte Idee. Am FB Geschichte gibt’s inzwischen was in die Richtung (halt nur für ausgewählte Arbeiten):
    http://www.historioplus.at/

  2. Maximilian Wagner September 5, 2014 - 6:01 pm Reply

    Das Geschichte-Portal finde ich super.
    Ich habe nie behauptet, dass die digitalen Arbeiten eine höhere Halbwertszeit haben. Aber während ihres Lebens einfacher und universeller zu nutzen sind. Suchfunktion sei dank. Wer liest denn heute noch 40 Seiten auf gut Glück, ohne zu wissen, ob ein wichtiges Zitat oder eine spannende Argumentation dabei ist? Oder ein Handout, wenn man nicht mehr weiß, wo man das gleich wieder hingelegt hat und erstmal aufwändig suchen müsste?
    Dass noch viel Nachholbedarf bei vielen ‚digitalen‘ Menschen ist, was Backups, Datensortierung etc. vorhanden ist: keine Frage. Ich lebe aber seit 14 Jahren ohne größeren Datenverlust (einen USB Stick hab ich mal verloren… soll passieren; vieles war aber noch woanders gespeichert).

  3. sgrezal September 6, 2014 - 1:33 pm Reply

    diese verschiedenen lerntypen. ich lerne beispielsweise gern mit papier, würde mir das aber niemals alles aufbewahren – schaff ich auch platztechnisch gar nicht. die dokumente werden digitalisiert und das papier im winter zum heizen verwendet!
    die unterschiedliche halbwertszeit von digital oder ‚analog‘ liegt, denke ich, eher am eh schon benannten lerntyp und nicht am ‚material‘ selbst! 🙂

  4. Maximilian Wagner September 6, 2014 - 2:50 pm Reply

    Mir ist eh klar, dass es verschiedene Lernertypen gibt. Und eh klar, ich will andere auch gar nicht bevormunden. Jeder soll so lernen, wie es am Besten für einen ist.
    Ich wollte nur meine Perspektive (als digitaler Mensch) schildern und warum ich lieber gleich ein digitales Dokument will, anstatt einen Ausdruck 😉

  5. Lorenz September 7, 2014 - 9:47 pm Reply

    Lieber Max, habe diesen Artikel sehr genossen. Wir versuchen offensichtlich den Uni-Workflow vom selben (digitalen) Boot aus zu besegeln. Das oben genannte Szenario ist mir nur zu bekannt; trifft leider auch auf viele LVA-LeiterInnen zu, die zwar versprechen eine digitale Version hochzuladen, aber es dann doch nicht immer schaffen…Für diesen Fall benutze ich: https://itunes.apple.com/us/app/prizmo-scanning-ocr-speech/id366791896?mt=8 – Foto mit dem iPad vom besagten Dokument, OCR drüber und ab in die Dropbox, so mach ich das immer. Und wenn dann jemand doch was ausgedrucktes von mir braucht, dann muss ich mir auch nicht mehr den nächsten freien PC suchen, da die neuen Drucker an der Uni ja anscheinend AirPrint unterstützen…

    Bin derweilen sehr angetan von euren Einträgen, gefällt mir gut!

  6. SandraG September 9, 2014 - 9:58 am Reply

    Ich kann euch sehr gut verstehen! Seit 1,5 Jahren arbeite ich jetzt schon digital und mich nervt es auch immer, wenn ich zusätzliche Mappen mitschleppen muss, damit auch die Zettel, die ausgegeben werden, ordnungsgemäß verstaut werden. Ich arbeite fast nur noch mit dem iPad und mehr brauche ich nicht – außer den besagten Stift zum unterschreiben der Anwesenheitsliste 😉

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