Salzsäure

Salzburg. Studi. Kritisch.

Das System hinter dem Unisystem – Das Einhalten von Regeln sollte der Normalfall sein

Das Unisystem ist für viele auf den ersten Blick verwirrend, auf den zweiten Blick dann vielleicht nur noch komplex. Im ersten Semester hält man sich vielleicht doch besser an die Empfehlungen der STV/Fachschaft, oder an die Semesterplanempfehlung, die irgendwo auf der Seite des Fachbereichs oder der Uni schon aufbereitet sind. Im Prüfungsrecht gibt es Leitfäden, die bereits die wichtigsten Fragen direkt beantworten. Ich kenne niemanden, der bereits im ersten Semester das Curriculum nicht nur überflogen, sondern komplett verstanden hat; bereits im ersten Semester die Satzung der Universität gelesen und verstanden hat; das Universitätsgesetz gelesen hat und weiß, was das für ihn im Studium bedeutet. Obwohl darauf alles aufbaut.

Diese Texte sind dazu da, um einerseits Pflichten festzulegen: um einen Bildungsapparat mit 16000 Studierenden wie in Salzburg am Laufen zu halten, ist es nunmal nötig, wenn sich alle rechtzeitig zurückmelden. Die richtigen Formulare müssen an der richtigen Stelle abgeben werden, die Anmeldung zu Kursen muss in einem vorgegebenen Zeitraum erfolgen, die Kriterien für Leistungsbeurteilungen müssen rechtzeitig zu Kursbeginn bekannt gegeben werden von der Lehrperson. Es gäbe noch mehr dieser Pflichten für Studierende und Professoren, viel mehr. Jeder hat seine gewissen Pflichten. All dies macht ein System aus. Das System Uni.

Die Texte sind dazu da, um andererseits Rechte festzulegen: Das Recht, sich für Studiengänge zu immatrikulieren. Das Recht von Studierenden, sich bis vor der dritten Kurs-Einheit wieder vom Kurs ohne Konsequenzen von Kursen mit Anwesenheitspflicht abzumelden. Das Recht sich für Lehrveranstaltungen überhaupt anmelden und auch nach den Regeln teilnehmen zu dürfen. Das Recht, Prüfungen zu absolvieren. Viele Rechte, die sicherstellen, dass man durch sein Studium kommt und weiß, was Sache ist.

Viele Rechte, viele Pflichten. Rechtssicherheit: diese Rechte und Pflichten sind fest zugesichert. Wenn es notwendig ist, kann ich mich darauf berufen. Wenn es sinnvoll ist, kann ich darauf hinweisen. Wenn es notwendig ist, können meine Pflichten auch von anderen eingefordert werden. Oder wenn es sinnvoll ist, kann ich an meine Pflichten erinnert werden.

Der Sinn dieser Gesetze und Verordnungen ist klar: Regeln für das Miteinander zu schaffen, der Schutz vor willkürlichem Handeln und der Schutz vor Regelverstößen gegen meinen Willen zu meinem Nachteil.

Heißt das, man kann sich nur auf dem Niveau der Juristerei begegnen? Natürlich nicht. Wie auch in den meisten Nachbarschaften kann man miteinander reden, auch ohne durch einen Anwalt die Rechtslage zu klären. Und man kann auch mal auf sein Recht verzichten: Wenn die geliebte Tanne vom Nachbarn die gesetzlich zugelassene Größe an der Grundstücksgrenze überschritten hat, kann man ja miteinander reden. Nicht alles was mein Recht ist, muss ich immer in jeder Situation einfordern. Ich kann ein Auge zudrücken. Erst wenn die Tanne dann den halben eigenen Garten überragt, sollte man dann doch auch auf diese Regeln hinweisen dürfen – ohne gleich der Böse oder der Buhmann zu sein. Man hat ja nun einen echten Nachteil, wenn man immer im Schatten liegt, wo man sich früher gebräunt hat. Aus dieser Ausnahme leitet sich kein ewig währender Anspruch ab.

Die Absprache, dass beide Seiten bestimmte Regeln nicht einfordern, muss einvernehmlich sein und darf eben niemanden zu sehr benachteiligen.

Wenn man das auf Beispiele aus der Uni übertragt:
Ist die Note 4 Wochen nach der Prüfung noch nicht eingetragen? Im UG steht zwar, dass dies der Fall sein müsste, aber wenn es bei mir nicht eilt, muss ich nicht darauf bestehen. Es ist ein Miteinander an der Uni. Leben und leben lassen.
Wenn es aber eilt, und der Verlust der Studienbeihilfe droht oder das Studium abgeschlossen werden soll, dann darf man doch auch darauf hinweisen, dass es diese Regel gibt. Eine Selbstverständlichkeit, die auch niemand persönlich nehmen sollte.

Umgekehrt: Wenn ich in einem Kurs mit der Abgabefrist Probleme habe, werde ich auch bitten, ob man sich nicht etwas anderes ausmachen kann. Warum sollte ein/e Dozent/in darauf bestehen, wenn eh noch 20 andere Arbeiten in einem Stapel liegen und meine Arbeit als Nummer 21 auch nur rumliegt. Ich bitte, dass jemand auf meine Pflicht verzichtet und wir das gemeinsam ausmachen. Keiner hat einen Nachteil. Leben und leben lassen.
Wenn ein dringender Grund des Dozenten gegen eine Verlängerung spricht, dann werde ich das auch akzeptieren müssen. Leben und leben lassen.

Doch das regelkonforme Verhalten von allen an der Uni sollte die Regel sein, etwas Selbstverständliches. Das Verbiegen der Regeln, oder außerhalb der Regeln zu agieren, die Ausnahme – für den Notfall und einvernehmlich. Eigentlich common sense, oder?

Keiner möchte in einem System leben, in dem keiner mehr mitdenkt – stur Regeln angewendet werden. Immer. Überall. Ein System ist immer allgemein definiert, es ist designed und gebaut für die große Mehrheit der Personen, oder designed unter bestimmten Grundannahmen (die sich ändern können). Es kann auch immer sein, dass bestimmte Dinge einfach übersehen oder nicht überdacht wurden bei der Erstellung des Systems: ein Systemfehler oder wenn jemand „durch die Lücken im System rutscht“.
Ein System ist starr und passt sich nicht an. Es passt sich nicht automatisch an andere Bedingungen an: wie einen Finanzierungsmangel, zu wenig Kursplätze, zu viele Studierende; oder auch zu wenig Studierende. Ein System lässt sich wie die Titanic nur mit viel Vorlauf rechtzeitig anpassen und ändern.
Und trotzdem besteht das Recht von uns Studierenden, das Studium abschließen zu können. Es besteht das Recht, dass wir nach festen Regeln unser Studium fortführen, dass wir wissen, wann wir wo in einen Kurs kommen können, welche Voraussetzungen wir dafür vorweisen müssen, und auch wie wir unsere künftigen Semester planen können. Die Regeln dafür sind seit dem Beginn des Studiums bekannt und festgesetzt, im Curriculum, im Universitätsgesetz, in der Satzung. Auch wenn wir die Regeln im ersten Semester noch nicht gelesen haben, sie waren da und sind es auch jetzt. Sie geben Sicherheit. All das schließt ein vernünftiges Miteinander jedoch nicht aus – ein vernünftiges Miteinander durch die gemeinsamen Regeln und ein Miteinander manchmal auch entgegen der gemeinsamen Regeln. Aber immer offen, transparent, und einvernehmlich. Und wenn ein Regelverstoß nicht passt, wird man das auch sagen dürfen. Dann ist es nicht persönlich gemeint. So machen das erwachsene Leute.

Denn weder das ständige Missachten, noch das ständige Beachten von Regeln macht ein gemeinsames Schaffen wirklich möglich. Ebenso wenig das ständige Einfordern von allen Rechten und Pflichten, sowie gar kein Einfordern von Rechten und Pflichten.

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Maximilian Wagner • September 19, 2014


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