Salzsäure

Salzburg. Studi. Kritisch.

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An der Uni sind wir doch alle Kollegen und Kolleginnen? – oder: „Wie die Uni manchmal zur Schule verkommt“

Morgens um 9 im Kurs, der Professor antwortet auf eine Wortmeldung: „Ja, Frau Kollegin, das ist ein sehr guter Einwand.“ – Aha, wir sind Kollegen, der Herr Professor und ich. Also jeder hier im Raum ist ein Kollege und eine Kollegin; mit dem Professor und Untereinander. Und die eigene Meinung sowie die Meinung der anderen im Kurs wird geschätzt. Eigentlich schön. Klar, ich habe noch keinen Magister-Titel, keinen Doktor und bin nicht habilitiert. Aber wir sind Erwachsene in einem Kurs und beschäftigen uns gemeinsam wissenschaftlich mit einem Thema. In dieser Funktion der Wissbegierigkeit, der Neugier, des Lernens sind wir also Kollegen und Kolleginnen. Also im ursprünglichen Begriff Berufsgenossen. Gemeinsam in der Wissenschaft. Natürlich wird dem Herrn Professor der gebührende Respekt gezollt, schließlich ist er als Berufsgenosse schon etwas länger hier im Dienst, wir anderen im Raum erst seit einigen Semestern – wir reden ihn weiterhin mit „Herr Professor“ an, seinem Titel und seinem Anstellungsverhältnis entsprechend. Trotzdem ist es noch nicht ganz aus der Mode gekommen, dass Professoren und Professorinnen diesen qualitativen Unterschied nicht zusätzlich hervorheben, sondern in ihrer Anrede das Gemeinsame herausstreichen. Wir arbeiten hier im Kurs gemeinsam, wir profitieren hier gemeinsam, wir beginnen und schließen diesen Kurs gemeinsam. Und wir machen das sichtbar. Schön.

Ja, so habe ich mir Erwachsenenbildung vorgestellt. Anders als in der Schule bin ich ja freiwillig hier. Die Schulpflicht ist beendet und ich bin längst volljährig – ich möchte als eigenständige Person ernst genommen werden und empfinde es als Beleidigung, wenn man mich wie ein Kind behandelt im Kurs (oder auch außerhalb). Warum fällt es mir überhaupt auf, wenn man als „Herr Kollege“ oder „Frau Kollegin“ vom Professor wie oben bezeichnet wird, frage ich mich?

Eigentlich sollte es doch selbstverständlich sein, sich auf Augenhöhe zu begegnen, mit Respekt und Wertschätzung; selbst wenn die akademischen Erfahrungen, die jeder einzelne im Kurs und auch die Professor_innen mitbringen, ganz unterschiedlich sind? Nein, ich will gar nicht, dass der Kursteilnehmer mit dem BA-Titel anders angeredet wird als ich. Oder die Studentin in der letzten Reihe mit dem abgeschlossenen MA-Studium. Mir gefällt die eine gemeinsame Augenhöhe – sowohl sprachlich, als auch symbolisch und faktisch. Diese Gleichheit wird mir auch selbst dann noch gefallen, wenn ich meinen Magister in der Tasche habe. Ich bin dann nichts ‚Besseres‘ innerhalb eines Universitätskurses, ich bin wie die anderen dann trotzdem noch zum Lernen da. Jede Meinung ist gleich wertvoll, über die Diskussion lernen alle im Kurs. Wir sind gleich in unserer Funktion – als Lernende.

Doch sind wir in jedem Kurs gleich? Sind wir immer die Kollegen und Kolleginnen der Lehrperson? Die Bezeichnung als ‚Kollege‘ oder ‚Kollegin‘ verblüfft doch immer wieder – sticht manchmal deshalb richtig hervor – weil man aus einem Kurs kommt, in dem es anders war; gefühlt schlechter. Weil man sich in manchen (aber sicher nicht in allen) Kursen zumindest nicht als Erwachsener behandelt fühlt, unfreiwillig Flashbacks an die eigene Schulzeit hochkochen – Kurse in denen man 1,5 Stunden lang kleiner Schüler war.

Ein (fiktives) Extrembeispiel, quasi ein Best-of oder ein Worst-of, je nachdem wie man es sieht:

Beginn der Stunde: Anwesenheitskontrolle persönlich durch die Lehrperson, Listen abhaken wie früher. Selbst eine zweiminütige Verspätung wird süffisant vor der Klasse – oh Pardon – ich meinte dem Kurs kommentiert und penibelst in der Liste notiert.

Die gute alte Frage, was man in der letzten Einheit denn gemacht habe: kenne ich nur zu gut, aus der Schulzeit. Die Frage ist nicht wirklich notwendig, ich war letzte Stunde ja da. Anzunehmen, ich und der Rest der Klasse vergessen sofort wieder, was im Kurs geschehen ist, sobald wir den Raum verlassen, würde entweder das Bildungssystem als ganzes unsinnig erscheinen lassen, oder keiner hier interessiert sich für das Thema des Kurses (ein weitaus bedenklicheres Szenario, weil alle hier ja ein Studium aktiv gewählt haben; wenn selbst diese Studierenden also keinerlei persönliche Relevanz in dem Kurs erkennen, stimmt etwas mit dem Curriculum oder der Kursgestaltung ganz gewaltig nicht).

Der Text, welcher für die aktuelle Stunde zu lesen war, wird nun Absatz für Absatz im Frage/Antwort Spiel zusammengefasst, also abgefragt. Bis diejenigen Bloßgestellt sind, die ihn nicht oder nur unzureichend gelesen haben. Oder bis selbst diese auch den gesamten Inhalt des Textes durch die umfangreiche Wiederholung des Textes mitbekommen haben. Schon jetzt bin ich dem Vortragenden dezent beleidigt, dass er hier meine Zeit verschwendet hat. „Danke, lesen kann ich selber – könnten wir uns mal bitte mit dem Inhalt kritisch auseinandersetzen, denn einfach nur Wiederkäuen, was jemand anderer auf Papier gebracht hat, empfinde ich nicht als erfüllend“, denke ich. Während diese alberne Spiel noch die Runde macht, werden die Mitarbeitsnoten erstellt: eine quantitative Zählung der Wortmeldungen pro Person. Das System ‚Schule‘ setzt sich fort.

Ein Kollege aus der letzten Reihe versucht trotzdem, des Trott zu durchbrechen: Das sei ja nur eine Meinung, nämlich die Meinung des Autors dieses einen Textes und das müsse ja noch nicht die einzig mögliche Interpretation sein.
Die Antwort der Lehrperson macht aber bereits beim ersten Satz und durch die veränderte Tonlage klar, dass es hier im Kurs um die reine Wissensvermittlung geht und der Text als Teil des Kurses die einzig mögliche Interpretation in diesem Kurs ist. Damit müsse gearbeitet werden, so müsse argumentiert werden, so müsse umgesetzt werden. Basta. Das ist schon seit vielen Semestern so. Für eine Erwachsenenbildung, in denen ich und die werten Kolleg_innen reflektiert Wissen mitnehmen sollen und auch selbst eine Meinung bilden sollen, sehr unbefriedigend.

Es folgt ein Referat: ein weiterer Text wird in zusammengefasster Form präsentiert. Da ja kein kritisches Denken erwünscht ist, flimmert ein Best-Of des Textes über die Powerpoint. Die Lehrperson ist zufrieden. Ich habe resigniert, bin aber auch niemandem böse. Es ist verständlich. Es ist nur logisch. Also gut gemacht.

Die Stunde nähert sich dem Ende. Das Kompetenzniveau 1 (Fakten kennen und reproduzieren, also paraphrasiert wiedergeben können) und  Kompetenzniveau 2 (Das Anwenden von Fakten auf eine konkrete Fragestellung) wurde nicht überschritten. Selbst Schulen haben inzwischen einen höheren Selbstanspruch. Der Kurs ist vorbei. Aufatmen.

Ein Glück, dass für die Abschlussarbeit ebenfalls lediglich diese beiden Kompetenzniveaus ausreichend sind. Die Deutungshoheit über kritische Gedanken und was erlaubt ist verbleibt bei der Lehrperson. Will man sich wirklich in unsichere Gewässer begeben? Form und Formalia (und dabei rede ich nicht von unsauberem Zitieren, sondern die Einhaltung von willkürlichen Standards) der Arbeit zählen sowieso fast mehr als der eigentliche Inhalt, oder die kritische Auseinandersetzung mit einem Thema. Verkehrte Welt. Besser keine schlechte Note riskieren, Augen zu und immer brav durch die Ringe der Manege springen. Das Zuckerl in Form einer guten Note für das Ausschalten des kritischen Denkens kommt ja bald. Erneut: gut gemacht.


Jaja, ein Extrembeispiel, überspitzt formuliert. Klar. Übertrieben, klar. Doch manchmal eben doch in der ein oder anderen Form Realität.

Ich kann keine Zeitreise machen, um zu sehen, ob es schon immer so war, oder ab wann es so geworden ist.

Aber meiner Meinung nach hat sicher in viele Fällen die Umstellung auf BA und MA dafür gesorgt, dass das System verschulter geworden ist. Verschlankung, weniger Wahlmöglichkeiten, straffere Organisation – kosteneffizienter. Voraussetzungsketten, um die eigene Entscheidung (oder manchmal auch Fehlentscheidung) bei der Kurswahl einzuschränken: Man muss den Einzelnen ja vor Überschätzung oder Übermut schützen – oder vor Frustration, Scheitern und anderen lebenswichtigen Erfahrungen. STEOP, mehr Kurse mit Anwesenheitspflicht, Powerpoint statt Skript mit Volltext. Möglichst wenig „Systemschock“ für alle frisch-gebackenen Maturant_innen. Schulähnlich. Einfach zu verdauen. Und diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen, dafür bekomme ich zuviel von eben solchen Diskussionen an der Universität mit. Dafür kenne ich zuviele Curricula, ja auch wie sich diese über die letzten Jahre entwickelt haben.

An der Uni soll die persönliche und akademische Bildung weitergehen, aber doch nicht in der selben Form wie an der Schule:

Dies ist ein klares Plädoyer für weniger ‚Schule‘ an der Uni!

Sicherlich spielt auch die Biografie der Lehrpersonen eine Rolle, wie mit den Student_innen umgegangen wird. Wer schonmal in der freien Wirtschaft, an Privatunis oder freiberuflich in der Erwachsenenbildung gearbeitet hat, hat sicher einen anderen Zugang zu Erwachsenenbildung. Wer viel mit Kindern, Jugendlichen oder an der Schule arbeitet, überträgt von dort vielleicht unbewusst Umgangs- und Lehrformen. Wer bisher nur im Forschungsbereich tätig war, will vielleicht möglichst viel Struktur vorgeben. … und doch sollte die Hochschuldidaktik sich an der Erwachsenenbildung orientieren und nicht an der Schule. Weniger Struktur. Mehr Freiheit. Mehr freies Denken. Mehr gemeinsames Erarbeiten, anstatt einseitigem Abarbeiten von Arbeitsaufträgen. Mehr eigene Ideen und Meinungen, mehr chaotische Diskussionen, mehr hitzige Debatten im Kurs:

Dies ist ein klares Plädoyer für noch mehr Professionalisierung in der Hochschuldidaktik!

Jede Lehrperson, selbst die die heute schon alles richtig und gut und alles genauso machen, wie es sein sollte, sollte sich trotzdem immer wieder ihre Rolle klarmachen, ihre Aufgabe, ihre Verantwortung. Es hilft es sicherlich, die jungen Studierenden vor sich als Kollegen und Kolleginnen zu sehen, sie auch so zu bezeichnen, sie so zu behandeln.
Mir persönlich ist gleich wo Sie als Lehrperson herkommen: sobald ich bei Ihnen im Kurs bin, geht es um den Kurs, um das Gemeinsame, das gemeinsame Arbeiten. Es geht nicht um das, was uns an Titeln trennt. Es geht nicht darum, die Unterschiede durch die Methoden im Kurs herauszukehren. Ich bin da, weil ich etwas lernen will. Ich brauche Freiraum um kreativ zu denken, aber dieses kreative Denken können Sie dann auch gerne einfordern. Meine Meinung können Sie jederzeit einfordern, solange Sie damit hinterher auch umgehen können und mir nicht böse sind, wenn meine Meinung nicht der Ihren entspricht. Ich will über das Kompetenzniveau 1 und 2 hinaus. Ich will nicht durch unnötige Hürden springen, sondern mich weiterentwickeln. Ich bin freiwillig hier. Ich habe mein Abitur bereits. Ich habe damals nach dem Abitur gesungen: „School’s out forever“. Ab jetzt will ich bitte der ‚Herr Kollege‘ sein und so behandelt werden. Immer. Weil es einen Unterschied macht.

Ich wünsche mir, dass das Schlechte gut wird und das Gute besser. Ist das zuviel verlangt?


Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder ganz andere Erfahrungen?
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Maximilian Wagner • September 5, 2014


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Comments

  1. Sebastian Fischer September 6, 2014 - 2:48 pm Reply

    Sehr schöner Artikel, der den Sinn von Erwachsenenbildung auf den Punkt bringt. Die mangelnde Professionalität, die du bei einigen Lehrenden richtigerweise feststellst, ist aber leider auch unter den Studierenden weit verbreitet.
    Das Interesse und die Neugier an der Thematik findet man vielerorts nicht mehr unter den StudentInnen, inwieweit das bereits systemisch bedingt ist können dienstältere Studenten vielleicht eher beurteilen. Was mir jedoch wichtig ist, ist ein Appell an die Studierenden, dass sie Erwachsenenbildung als Chance sehen sollten ihr bestehendes Wissen zu erweitern, anstatt Informationen als lästigen Lernstoff zu betrachten, der einem beim Credit-Sammeln im Weg steht. Wir lassen uns die Ausbildung aus Bequemlichkeit aufbinden und fordern keine freie Bildung mehr. Es ist die Pflicht der Lehrenden die Studierenden für das Studium zu begeistern, und es ist die Pflicht der Studierenden zumindest ein wenig Begeisterungsfähigkeit mitzubringen.
    Lehrveranstaltungen, insbesondere freie Wahlfächer, eigentlich die letzte Bastion der freien Bildung seit der BA/MA-Einführung, werden so gewählt, dass deren positive Absolvierung möglichst wenig Zeit- und Lernaufwand erfordern. Wenn man sich in den Facebook-Gruppen für Lehrveranstaltungen umsieht kommt einem das Kotzen (Erbrochenes enthält übrigens auch Salzsäure). Die Lehrenden der alten Schule sind früher oder später alle in Pension, ich mache mir mehr Sorgen um die nächste Generation.

    Daher fordere ich von beiden Seiten mehr Professionalität in der Erwachsenenbildung!

    • Maximilian Wagner September 6, 2014 - 3:00 pm Reply

      Du hast vollkommen recht. Jedoch kann ich von denjenigen, die Geld bekommen einfacher und schneller die Professionalisierung fordern.

      Dass auch beim Herangehen und der Sichtweise einiger Studierenden viel im argen liegt, hab ich auch schon erlebt und gesehen. Das dahinter mehr steckt, als verschulte BA/MA Systeme stimmt sicher auch.

      Dieses Thema wird sicher nochmal auf dem Blog auftauchen. Ich beschränke mich aber immer auf einzelne Aspekte pro Artikel, damit es nicht zu lange wird 😉

  2. Sebastian Fischer September 6, 2014 - 5:34 pm Reply

    Freu mich schon auf den Artikel dazu!
    Und bezüglich dem Einfordern der Professionalität: Für mich persönlich geht der beinahe kostenlose Zugang zu Hochschulbildung einher mit gewissen gesellschaftlichen Verpflichtungen was meinen Studienerfolg betrifft. Nicht im Bezug auf die Studiendauer, aber im Bezug auf die Qualität meiner studentischen Leistung.

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