Alles eine Frage der richtigen Strafe?

Wenn sich Studierende nicht von einer Prüfung abmelden…

Es ist wohl das Bild von der Uni schlechthin: ein vollbesetzter Hörsaal, rauchende Köpfe, Klausur schreiben – das Ende einer Vorlesung. Vor jedem Studierenden liegen einige Blatt Papier, wochenlang haben alle für diese Prüfung gebüffelt. Man hat alle typischen Phasen durchlebt: Euphorie, Prokrastination (in der Prüfungsphase sind viele Wohnungen häufig geputzt wie nie, während man das Lernen aufschiebt), Verzweiflung („Das schaffe ich ja nie“), Nachtschicht („Wenn ich jetzt 72 Stunden durchlerne könnte es sich noch knapp ausgehen“), Galgenhumor („zumindest meinen Namen kann ich richtig aufs Blatt schreiben“).

Doch die Frage, die an der Uni Salzburg nun seit einem Jahr immer wieder von Lehrenden aufgeworfen wird: was tun, wenn trotz vieler Anmeldungen zur Prüfung der eigentlich vollbesetzt-erwartete Hörsaal nur halb voll ist und viele Prüfungskopien direkt vom Kopierer wieder in den Schredder wandern? Verkommt die Anmeldung zur Prüfung zum „Vielleicht“-Knopf bei Facebook-Veranstaltungen… zu einem diffusen „naja, wenn sichs ausgeht, schau ich vielleicht vorbei“?

„Alles eine Frage der richtigen Bestrafung“

scheint die Antwort darauf zu sein, die der Senat der Uni Salzburg bereits im Mai 2015 daraufhin gefunden hat. Na klar, eine Prüfungssperre soll es sein. Anders könne man dieser scheinbar um-sich-greifenden Pandemie der Prüfungs-Facebook-Generation mit dem Motto „Ja ist das neue vielleicht“ nicht Herr werden.

Der Kompromiss damals: Die Sperre bezieht sich nur auf den ersten Prüfungstermin innerhalb 8 Wochen danach. Wenn mehrere Termine in kurzer Zeit angeboten werden, ist man somit nicht für gleich mehrere Termin gesperrt, sondern genau für einen (Stichwort: STEOP). Auch eine Sonderregelung, dass bei nachweislicher Krankheit die Sperre aufgehoben werden kann, wurde implementiert.

Doch Pandoras Büchse war geöffnet…

Bereits im Januar 2016 wurde die Frage neu aufgerollt und neu geregelt: 40 Tage Prüfungssperre, ohne wenn und aber… Selbst wenn mehrere Prüfungstermine in diesem Zeitraum liegen (besonders bitter in der STEOP Phase, in der die Prüfungstermine gerne eng geblockt liegen).

Alles eine Frage der richtigen Bestrafung scheinbar.

Ärgernis oder untragbare Zustände?

Na klar, es ist nicht schön, wenn man Unterlagen kopiert und diese am Ende nicht gebraucht werden. Es ist auch unschön, wenn Lehrende einen größeren Hörsaal extra reservieren und dieser dann gar nicht gebraucht würde. Und es ist unkollegial, wenn andere Studierende nicht bei der Prüfung antreten können, weil andere sich nicht abmelden (Wartelisten bei Prüfungsabmeldungen gibt es inzwischen auch).

Doch von einer Universität könnte man sich differenziertere Lösung erwarten. Schließlich ist dieses Problem maßgeblich Symptom einer gewachsenen Studierendenschaft, einem gestrafften System (z.B. durch Voraussetzungsketten), Druck durch BA- und MA-System und Lehrenden, die im Akkord größere Menschenmengen „bilden“ müssen, Massenvorlesungen, Druck im Beihilfensystem (wodurch man auch mal Prüfungen schreibt, bei deren Vorlesung man terminlich gar nicht hingehen konnte).

Gleichzeitig ist es einfach, die Schuld und damit die Lösung woanders zu suchen: Bis Mai 2015 war ungeregelt, wie lange eine Anmeldung möglich ist, wie lange eine Abmeldung möglich sein muss. Dies führte zu sehr unterschiedlichen Fristen, teils gar nicht studierendenfreundlich. Eine breite Informationskampagne der Uni um dem entgegenzuwirken? Gab es leider nicht. Problemlösung durch Aufklärung? Nein. 

Aufklärungskampagne der ÖH Klagenfurt… dies gab es in in Salzburg nie.

Und natürlich macht es einen Unterschied, ob ich einer/m anderen Studierenden den Platz in der Prüfung durch meine Nicht-Abmeldung genommen habe. Wenn nur ein wenig Papier ungenutzt bleibt, so mag zwar der ökologisch denkende Mensch „Oh Gott, denkt doch mal wer an die Nachhaltigkeit“ schreien, aber im Vergleich zum globalen Papieraufkommen (und den sicher anderweitig auch auftretenden sinnlosen Ausdrucken) der Universität und eines Studiums vernachlässigbar.

Das mag vielleicht ein Ärgernis sein, aber untragbare Zustände sind das noch nicht.

Augenmaß statt Gießkanne

Eine Sanktion sollte die letztmögliche Option sein, in dem Moment wo andere Studierende Nachteile durch mein Handeln erleiden. Es sollte nicht die standardmäßig verschriebene Erziehungsmethode sein, die per Gießkanne über die ganze Uni geleert wird – ob notwendig oder nicht. Der universitäre Effienzzwang und die Raumnot wird hier einfach weitergereicht – an diejenigen, die am wenigsten für die aktuellen Bedingungen und deren Probleme können. Oder ist es am Ende wohl auch die ein oder andere hochbezahlte Person, die den Wert ihrer Arbeit nicht genug geschätzt sieht wenn zu wenig Studierende zur Prüfung erscheinen? Man weiß es nicht.

Wo ist dieser immense Leidensdruck, der hier propagiert wird? Warum wird hier nicht mit Augenmaß und der stetiger Hand reguliert, sondern mit der Brechstange?

Und letztlich sollte man nicht vergessen: auch Lehrende haben Pflichten (wie z.B. die Korrektur und Noteneintragung innerhalb von 4 Wochen nach Abgabe der zu beurteilenden Arbeit). Auch hier gibt es genügend Beispiele, in denen diese nicht eingehalten werden: doch ich höre keinen Aufschrei nach arbeitsrechtlichen Konsequenzen, standardisierten und automatisierten Sanktionen, Lohnkürzungen oder dergleichen.

Doch auch wir Studierenden sollten nicht Facebook-Gewohnheiten in die reale Welt tragen: eine Anmeldung ist eine Anmeldung – kein Facebook-„vielleicht“. 

So bleibt nur die kleine Hoffnung, dass die Gießkanne wieder in den Schrank kommt und wieder mit Augenmaß und Weitsicht Regeln für alle gemacht werden. Ist eben doch nicht alles eine reine Frage der Bestrafung – sondern der Vernunft und des Miteinanders.

Quelle: Satzung der Universität Salzburg vom 26. Januar 2016 § 15 (7)